Lücken im Lebenslauf – bitte keine Panik!

Christina Thiel Jobfrust

 

„Liebe Christina, wie soll ich schreiben, dass ich 6 Monate lang nichts gemacht habe?“

„Wie kann ich vertuschen, dass ich in den letzten Monaten mehrfach meinen Job gewechselt habe?“

„Man sagt doch, der Lebenslauf darf keine Lücken haben…“

Bevor du weiter liest: Entspann dich…

Hilfe, ich habe Lücken im Lebenslauf  – das darf doch gar nicht sein!

 

Ok, fangen wir von vorne an. In meinen Coachings höre ich tatsächlich oft Sprüche wie oben beschrieben, sie sind keine Ausnahme! Auf die Fragen von oben gehe ich mit meinen Kunden erstmal gar nicht ein. Ich erkläre ihnen viel lieber, das ich Menschen mit Lücken im Lebenslauf mag. Ich mag sie sogar mehr, als Menschen ohne Lücken. Komisch, oder? Finde ich gar nicht. Ich finde Menschen, die nicht „glatt“ ihren Karriereweg gehen sondern hier und da „ausbüchsen“ viel spannender und interessanter. Menschen wachsen an ihren Lücken im Lebenslauf!  Ich mag Menschen mit Brüchen. Sie leben das Leben und brechen hier und da aus. Ok, ich meine das „erlaubte“ Ausbüchsen…ich rede hier natürlich nicht von krimineller Energie. Wenn jemand mich fragt „Was soll ich nur schreiben? Ich habe hier eine Lücke!“ – tja, dann kann ich leider nicht spontan eine Antwort geben. Aber ich kann anbieten, gemeinsam eine Lösung zu finden. WARUM es die Lücke im Lebenslauf gab. Und diese Frage ließ sich bis heute IMMER plausibel erklären.

 

Ändere deine Blickrichtung!

 

Das hängt viel mit der Blickrichtung zusammen. Wie sehe ich mich selbst? Wie werde ich gesehen? Welche Rückmeldungen dazu erhalte ich? Hier fühlen sich viele als Versager. Weil sie länger als 6 Monate krank waren. Weil sie vermeintlich zu häufig den Job gewechselt haben. Weil sie sich tatsächlich beruflich neu orientieren möchten.  Nur – bitteschön – wer sagt an dieser Stelle eigentlich, was richtig und was falsch ist? Wer kann mir erklären, wie ein „richtiger“ Lebenslauf aussieht? Falls du darauf eine Antwort hast, schreibe mir bitte…

Ich war neulich in einem Bewerbungscoaching mit jungen syrischen Flüchtlingen. Thema war auch, den Lebenslauf zu erstellen. Alle sprachen fast perfektes deutsch und waren in ihrer Heimat sehr gut ausgebildet. Sie waren zwischen 20 und 30 Jahre alt und manche mussten ihr Land nach dem Abi verlassen. Dass es etwas anderes ist, in den Nachrichten diese Menschen zu sehen als live, spricht von selbst. Von einigen dieser Menschen wurde ich nun tatsächlich gefragt, wie sie die Lücke der Flucht und Integration in Deutschland kaschieren sollten. Ich fand das unfassbar. Da ist ein Mensch auf der Flucht aus seinem Land und überlegt, diese Zeit zu kaschieren. Nein, hier wird nichts kaschiert, hier wird ehrlich geschrieben, warum und wieso an dieser Stelle im Lebenslauf eine „Lücke“ entstand. Und jeder wird es verstehen. Denn die Frage ist doch:

Was sind überhaupt  „Lücken im Lebenslauf“?

Und genau darauf habe ich bis heute keine wirkliche Antwort erhalten. Was ich erfahren habe: Menschen haben Brüche in ihren Lebensläufen, die sie als Lücke empfinden. Als Makel. Als negatives Merkmal. Gehe ich in die Tiefe und frage konkret nach „Warum glaubst du, ist dies eine Lücke?“ ernte ich staunende und ungläubige Blicke. Aber meine Frage ist ernst gemeint – also arbeiten wir an einer Antwort. Ich möchte wissen, warum bei diesem Menschen dies oder jenes los war. Komplett ehrlich, ohne es in schicke Worte zu fassen, einfach gerade heraus. Nun kommt meistens ein wirklich interessantes und spannendes Gespräch zustande. Ich erfahre viel über diesen Menschen und seine Geschichte. Und meistens kann ich seine „Lücke“ wirklich gut nachvollziehen. Denn Begründungen sind häufig: Krankheit, Pflegefall in der Familie, berufliche Neuorientierung. Jetzt frage ich DICH: Empfindest du das als „Lücke“? Als Makel? Als Karrierehemmnis? Nehmen wir das Beispiel „Berufliche Umorientierung“ und sehen es aus einem anderen Blickwinkel: Eine 35jährige Bankkauffrau stellt fest, dass sie in diesem Job keine weitere 30 Jahre arbeiten möchte. Sie kündigt, besucht viele Workshops, liest Bücher zum Thema „Berufliche Neuorientierung“. Schließlich hat sie ihren Traumjob gefunden, schreibt Bewerbungen, führt erste Gespräche. Zwischendurch hat sie noch die ein oder andere Jobmesse besucht. Wie sehen wir diese Frau? Als eine Frau, mit einem Makel, weil sie ihren Job hingeschmissen hat? Oder als eine Frau, die sich Gedanken darüber macht, wie sie weitere 30 Jahre einigermaßen glücklich ihrer Tätigkeit nachgehen möchte und auf dem Weg zu einem neuen Job mutig  und sehr fleißig ist? Genau: Eine Frage des Blickwinkels! Ich sehe in dieser Frau eine mutige, entschlossene, ehrgeizige und fleißige Frau. Denn ich weiß aus Erfahrung, dass sie den steinigeren Weg geht. Einfach in der Bank bleiben, Zeit absitzen, Dienst nach Vorschrift ginge schließlich auch. Und diese Frau soll eine „Lücke“, einen „Makel“ im Lebenslauf haben? Den sie am besten noch vertuschen soll? Wie gesagt: Das sind Lebensläufe, die ich spannend finde! Genauso sieht es mit den anderen Fällen aus, wo es „vermeintliche“ Lücken gibt: Krankheit zum Beispiel. Jemand hat lange im Unternehmen gefehlt, weil er Langzeit erkrankte. Nun wird er in eine andere Abteilung verssetzt, hat vielleicht den Anschluss verpasst, muss sich evtl. sogar einen neuen Job suchen. Als wäre dieser Mensch nicht schon gestraft genug, hat man ihm auch noch geraten, diese „Lücke“ zu kaschieren. Aber bitteschön: Wie geht eigentlich „kaschieren“? Ja, ein Trick fällt mir ein: Ich nenne im Lebenslauf nicht die Monatsangaben, also von welchem bis zu welchem Monat ich Stelle xy inne hatte. Stattdessen, tada!, nenne ich nur die Jahreszahl! Macht aus vielleicht 10 Monaten Lücke keine Lücke mehr. Tolle Idee? Naja, glaubst du, die Personaler kennen den Trick auch.  Und interpretieren möglicherweise was ganz anderes in diese Lücken hinein. Machen es also „schlimmer“ als es ist. Wie wäre es  mit:

Mut zur Lücke!

Wenn unser Bewerber die wahren Gründe kennt und beim Namen nennt? Ist er dann nicht viel glaubwürdiger? Authentischer? Was ich nicht möchte sind Lügen. Sie passen einfach nicht in mein Bild eines Bewerbers. Weder in den schriftlichen Unterlagen noch im Vorstellungsgespräch. Und raus kommen sie früher oder später doch sowieso, oder? Ehrlichkeit kann natürlich auch bestraft werden. Angenommen, unser Beispielbewerber entscheidet sich zur Ehrlichkeit. Er benennt das Kind beim Namen und: erntet Unverständnis. Diesem Bewerber würde ich raten, sich davon nicht kleinkriegen zu lassen. Es gibt IMMER Menschen, die anderes „ticken“ als wir. Allen Recht machen könne wir es nicht. Wir sollten nicht den Anspruch haben, „Everybodys Darling“ zu sein. Und ehrlich gesagt, möchte ich persönlich in keinem Unternehmen arbeiten, bei dem eine Lücke auf Unverständnis stößt. Wichtig ist die Perspektive, mit der wir uns sehen. Und vor allem im Spiegel ansehen. Ehrlich müssen wir erstmal nur zu uns sein. Damit fängt alles an. Innere Haltung, Achtsamkeit mit sich selbst. Akzeptieren wir unsere Ecken und Kanten, unsere Brüche und Fehlentscheidungen, haben wir die Chance, sie auch anderen Menschen glaubhaft zu vermitteln. Ist denn „Krankheit“ wirklich ein Makel? Oder ist sie das nur in unserer Einstellung? Sind wir so erzogen worden? Jeder kann krank werden. Jeder hat das Recht krank zu werden! Aber wenn er wieder gesund ist, hat auch jeder das Recht auf einen Neuanfang! Klar, das ich niemandem rate, sich während einer schlimmen Erkrankung zu bewerben. Denn es muss natürlich ebenso erkennbar sein, dass sich unser Bewerber wieder erholt hat und wieder (vollständig) einsatzfähig ist. Davon gehe ich selbstverständlich aus. Fazit: Habe MUT ZUR LÜCKE! Und schaue auf Menschen aus deiner Umgebung – wer hat „Lücken“? Wer hat keine? Ich wette, die meisten Menschen haben Lücken im Lebenslauf. Und viele versuchen diese zu kaschieren. Mannomann, wie anstrengend!

 

Ach ja: Ich habe hier zwei Beispiele exemplarisch heraus gegriffen. Die Frau aus der Bank und den ehemals kranken Bewerber. Ich könnte jetzt noch andere Beispiele heranziehen. Die Bewerberin, die aufgrund eines Pflegefalls in der Familie eine Lücke hat. Oder den ehemaligen Aussteiger, der es sich tatsächlich erlaubt hat (wie unverschämt!) ein paar Monate um die Welt zu ziehen. Auch hier kann ich dir Argumente an die Hand geben, warum auch diese Beispiele für mich keine Lücken darstellen. Denn sie übernehmen Verantwortung, nehmen sich selbst zurück, erkunden andere Kulturen und wachsen daran. Ich denke aber, dass du verstanden hast, worum es mir geht, oder?  Genau. Es geht mir um Ehrlichkeit, die Blickrichtung und die Erkenntnis, dass es nie die „eine Wahrheit“ gibt.

Kommen wir nochmal zum Anfang zurück:

„Liebe Christina, wie soll ich schreiben, dass ich 6 Monate nichts gemacht habe?“

„Wie kann ich vertuschen, dass ich in den letzten Monaten mehrfach meinen Job gewechselt habe?“

„Man sagt doch, der Lebenslauf darf keine Lücken haben.“

Was sage ich den Menschen, die mir diese Fragen stellen? Genau:

  1. Ich frage nach den genauen und wahren Gründe.
  2. Ich stelle Gegenfragen: Hast du wirklich „NICHTS“ gemacht?
  3. Ich frage: Wie siehst du die Sache aus deiner persönlichen Perspektive?

Und dann – löst sich schnell ein Knoten. Die Blickrichtung ändert sich. Die Last, sich überlegen zu müssen, wie etwas kaschiert werden kann, fällt von manchen Schultern! Und dann freue ich mich.

 

Hat dir der Beitrag gefallen? Hast du auch „Lücken“? Berichte im Kommentarfeld oder schreibe mir eine MAIL. Ich bin gespannt und freue mich über deine Rückmeldung!

 

Ganz liebe Grüße

Christina

 

Christina Thiel Karriereberatung

 

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